„Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“ Ziele erreichen oder den Hafen ändern

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich melde mich nach einer Weile wieder mit einem Thema, das sich Coaches und Trainer gerne auf die Fahnen schreiben: Ziele erreichen. Ich habe länger nicht geschrieben, weil ich mich mit aller nebenberuflicher Energie auf meine Promotion fokussiert habe.

Mittlerweile schlage ich mich vier Jahre mit dieser nebenberuflichen Dissertation herum. Mitte des letzten Jahres, nahm ich mir als persönliches Ziel vor, bis März 2018 mit der Hauptarbeit der Texterstellung fertig zu werden oder die Arbeit ad acta zu legen. Guter Dinge dachte ich bis Jahresende 2017, ich sei weitgehend auf der Zielgeraden. Nach einem Termin mit meiner Doktormutter und zwei weiteren Betreuenden wurde jedoch deutlich: 2018 wird es nichts und 2019 könnte auch knapp werden. Warum das so ist kann ich nach wie vor nicht genau sagen.
Ich habe die Dissertation nicht wegen einer sich anbahnenden Karriere in der Wissenschaft begonnen, um dann an der Uni zu bleiben. Natürlich hat mich das Thema interessiert, Blogger und deren Erfahrungen zu beforschen. Aber es war auch ein "nice2have" und schick im Lebenslauf, auf offiziellen Dokumenten und am Klingelschild mit "Herr Doktor" aufzuwarten. Nach dem letzten Gespräch hat sich das Ziel des Dr. allerdings schlagartig verändert. Warum? Wollten sie mich einfach loswerden? Mich einem weiteren Stresstest unterziehen?

Treten wir einen Schritt zurück und betrachten das Ziel aus einer eher nüchternen Perspektive. Es gibt Hürden, die einen am Erreichen seiner Ziele hindern können. Dazu gehören...
  • ... unklare Zielformulierungen
  • ... schlechte Erfahrungen in Bezug auf das Ziel
  • ... Konflikte mit anderen Zielen
  • ... hinderliche Überzeugungen in Bezug auf das Ziel (Glaubenssätze)
  • ... Sinn und Zweck des Ziels geht verloren
Wer jemals an einer wissenschaftlichen Arbeit geschrieben hat, dem ist klar, dass es an schlechten Erfahrungen und hinderlichen Überzeugungen (auch durch Dritte) auf dem Weg nicht unbedingt mangelt. Und natürlich fragen einen immer diejenigen "Wann bist´n endlich damit fertig", die es, mit Verlaub, schlicht nicht beurteilen können.

In Bezug auf meine Promotion ist das Ziel klar formuliert: ich will den Dr.-Titel. Dieses "Wollen" reichte zumindest vier Jahre aus, um mich den Wünschen aller an der Promotion-Mitredenden so weit zu unterwerfen, dass ich das Ziel akribisch verfolgte. So weit, dass ich heute sagen kann, einen gewissen Teil dieser Arbeit, hätte ich so nicht gemacht. Als kaufmännisch bewanderter Pädagoge konnte ich natürlich nüchtern ökonomisch darauf schauen und mir sagen "am Ende hast du den Dr.-Titel, völlig egal wie wenig du selbst hättest so schreiben wollen." Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob das noch meine eigenständige wissenschaftliche Leistung war oder ob ich nur das schreibe, was andere von mir hören wollen.

Ja, ich interessiere mich für den Wissenschaftsbetrieb mit seinen eigenen Gesetzen, mag es zu philosophieren und die Frage "Gesellschaft quo vadis" zu stellen und vor allem einen eigenen Beitrag dazu zu leisten. Am liebsten gehe ich raus und spreche mit den Menschen (den Probanden) über ihre Erfahrungen mit dem Thema, das ich beforsche und schreibe es auf. Das ist leider schon sehr weit am Anfang der Promotion geschehen. Stattdessen schreibe ich den Forschungsstand zu dem Thema auf, den bereits 100 andere vor mir auch schon benannt haben, trage statistische Daten zusammen und schreibe seitenweise über mögliche Forschungsmethoden, um am Ende meine Entscheidung mitzuteilen. Hier lässt sich mein Motivationsstand recht gut erkennen.

Ich brauche also etwas, was meine Motivation aufrecht erhält und nehme mir Strategien zur Zielerreichung vor. Sie mögen teils simpel klingen, es ist jedoch sinnvoll sich diese immer wieder zu vergegenwärtigen, wenn man an der Schwelle zum Nichterreichen oder der Kapitulation steht. 
  • S.M.A.R.T. formulieren. Ja ich weiß, kennt jeder. Mittlerweile werden viele in der Schule mit diesem Modell bereits drangsaliert. Wenn ich bei meinen Studierenden im Fach Projektmanagement die Frage stelle, wie man Ziele formuliert kommt meist ein gelangweiltes "Smaaaaaahhhhaaaart"... Spezifisch, Messbar, Attraktiv/Ansprechend, Realistisch und Terminiert. Soweit so gut. Formel gelernt und wiedergegeben. Spätestens bei der Formulierung des Ziels steht dann "Unsere Organisation soll besser finanziert sein". Die Quintessenz dieser anekdotischen Ausführung lautet: Wenn du die Formel kennst, wende sie auch so an. Übrigens, kennen Sie die A.R.O.M.A.-Formel?
  • Seine Vorstellungen kennen: Wissen Sie genau, was Sie wollen? Was soll nach Zielerreichung anders sein als vorher? Halten Sie den Weg durch, um das Ziel zu erreichen? 
  • Zeitplan: Können Sie einen realisitschen Zeitplan aufstellen und diesen einhalten?
  • Post It's als Reminder nutzen: Im hektischen Alltag geben wir nur allzu oft unseren Gewohnheiten nach. Wie schnell ist der anstehende Workload auf den nächsten Tag verschoben. Die kleinen gelben Zettel am Badezimmerspiegel, am Monitor oder am Frühstückstisch ins Sichtfeld gerückt, erinnern an das übergeordnete oder ein Teil-Ziel. 
  • Neues Verhalten trainieren: Meiner Ansicht nach die wirksamste Art ein Ziel zu verfolgen. Neues, erwünschtes Verhalten wird konsequent verfolgt und geht in den Alltag über. So kann der Weg ins Fitness-Studio an drei Tagen die Woche so festgesetzt werden, dass alles andere hinten anstehen muss. "Da kann ich nicht da habe ich Sport" oder "einen wichtigen Termin". In meinem Fall "Da arbeite ich an meiner Dissertation". Denn wir lassen uns nur allzu gerne von so manchen Tätigkeiten ablenken. "Treffen wir uns Mittwochabend auf ein Bier"? "Klar, schreib ich halt Donnerstag dran". Donnerstag ist dann Sport oder ein längeres Telefonat und schon verschieben sich alle Aktivitäten das Ziel betreffend weiter nach hinten in der Woche. Dieses Prokrastinieren kennt jeder und ist einer der häufigsten Gründe, warum Ziele nicht erreicht werden. 
Nein, ich habe mich noch nicht final entschieden. Obwohl ich weiß, dass ich die Promotion in der letzten Konstellation nicht fortführen möchte. Zuviel Zeit ginge noch ins Land, in der ich andere Projekte im Haupt- und Nebenberuf voranbringen kann. Ja, ich hätte immer noch gerne ein "DeErrPunkt" vor meinem Namen stehen. Ich mag es meine Ziele zu erreichen und bringe die Dinge gerne zum Abschluss. Und ja, es ist sicherlich auch meinem Ego zuträglich. Soll ich es deshalb noch auf mich nehmen, weitere zwei Jahre meine Frei- und vor allem Lebenszeit für diese eine Arbeit zu opfern? 
Am Ende ist es immer schade um die investierte Zeit. Die vielen einsamen Tage in Bibliotheken und vor dem Laptop. Die unzähligen Fragen von Bekannten und Verwandten "Wann es denn endlich so weit ist" zu ertragen.

Abbruch, ja, nein, vielleicht?

Die Antwort darauf suche ich derzeit noch. Je mehr Zeit vergeht desto größer werden auch die inneren Widerstände gegenüber dem Endziel. Denn es schleichen sich langsam auch Zielkonflikte wie Familienplanung oder eine immer wichtiger werdende Worklife-Balance in das übergeordnete Ziel ein. In den kommenden Tagen und Wochen bleibe ich an dem Thema dran und schreibe hier vielleicht noch einmal einen Beitrag dazu, wenn es zum Thema "Ziele ändern" oder "Ziele erreichen" passt. Nach wie vor habe ich die Haltung: Ändere den Plan, aber nicht das Ziel.

Ich fand dieses Beispiel für einen Blogbeitrag über Ziele passend. Denn Ziele sind sowohl in Organisationen als auch im privaten Umfeld sehr facettenreich und haben viele emotionale Anteile (Stichwort "Ego"), die ein positives Erreichen hinderlich machen können. Mir ist bewusst, dass ich dieses Leid mit viele Doktoranden und hadernden Abbrechern teile. Denn obwohl man längst gut ausgebildet ist, schon ein Diplom und einen Master bereits abgeschlossen hat, ist dieses Tüpfelchen auf dem "i" für das Ego einfach: Nice2Have.


Alles Gute für Ihre Ziele!


Herzliche Grüße

Benjamin Rahn

Kommentare

  1. Das gilt auch für Bachelor und Masterarbeiten. Immer fragt einer wie lange es noch geht. Insgesamt cooler Blog!

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